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Newsletter Nr. 0609:

Maskenparade
Text: Rainer Dunkel

Wer bin ich? Haben Sie sich diese Frage öfters schon mal gestellt? Kennen Sie die Situation, das Sie nach Hause kommen von der Arbeit und zu Ihrem Partner sagen „Am liebsten hätte ich meinem Chef mal richtig die Meinung gesagt“ ....... und sie schütten ihr Herz bei ihrem Partner aus und sagen ihm all das, was sie eigentlich ihrem Chef hätten sagen wollen? Oberflächlich betrachtet ist der Chef der glücklichere von allen Beteiligten. Sie hingegen sind unglücklich, ihren Ärger nicht Ausdruck verliehen zu haben und ihr Partner kann ihnen auch nicht groß helfen, außer ihnen zuzuhören.

Die Zeit vergeht und man vergisst, bis es dann wieder passiert und sie in einer ähnlichen Situation erneut ihren Ärger zurückhalten. Diesmal schlucken sie es tun nichts weiter. Wiederholen sich dann solche Situationen so entsteht ein Stausee mit riesigen Wassermassen, welche mit immer größerem Druck auf die Staumauer – ihren Verstand – drücken. Es kommt der Zeitpunkt, da durchbricht das aufgestaute Wasser (ihre Emotion) alle Mauern (ihr Verstand) und überflutet alles was sich in dem Moment gerade im Weg befindet.

 Diesem plakativen Beispiel liegt ein einfaches Prinzip zugrunde welches für viele andere Aspekte auch in unserem Leben einen entscheidenden Einfluss übt. Wir sind Schauspieler und unsere Kindheit war die Schauspielschule. Erinnern Sie sich an Worte wie „Sag Danke“, „guck nicht so böse“, „Benimm Dich“, „Sag so was nicht“ und und und. Diese und ähnliche Phrasen dienen dazu unsere Kinder auf das Leben in der Gesellschaft einzustimmen und vor allem die Anerkennung der Gesellschaft zu erlangen. Dabei geht es uns in erster Linie um unsere eigene Anerkennung und evtl. dann auch noch um die Anerkennung unserer Kinder. Wir lernten und lehren einen Verhaltenskodex, welcher sich beschreiben lässt als unverbindlich freundliches Nett-sein. Sobald wir das Haus verlassen zum Supermarkt, oder in einem Restaurant oder an der Tankstelle, im Sportverein oder in der Kirche. Unser wahres Befinden lassen wir zu Hause. Wir unterdrücken es und dabei bemühen wir uns sehr, unsere wahre Empfindung nicht sichtbar werden zu lassen.

 Unsere Gesellschaft ist eine Maskenparade. Selbst besonderes Glücklichsein wird in vielen Fällen unterdrückt da sich im Hinterkopf immer die Frage stellt, wie das bei den anderen ankommt und ob ich damit evtl. meine gesellschaftliche Anerkennung verliere. Jeder hat sich sicher selbst schon dabei ertappt, Ausdruck großer Freude zu unterdrücken – aus Scham.

 Betrachten wir als Beispiel das Verhalten der Menschen auf einer Feier, in einem Tanzlokal, Disko oder in einer Bar, sprich von einem Ort, in dem sich die Menschen zusammenfinden um ihre Freizeit zu verbringen. Besonders interessant ist gerade in diesen Situationen die Beobachtung wie stark ausgeprägt die Maskenparade gerade dort auffällt. Es geht dort scheinbar größtenteils um die Aufrechterhaltung oder Erweiterung der eigenen Anerkennung durch die anderen in der der Gruppe oder des Raumes. Dabei werden die verschiedensten Methoden angewendet. Beginnend bei der Kleidung, über Körperhaltung und –bewegung hin zur Form der Gesprächsführung.

 Dabei möchten sich die Menschen dort doch einfach nur wohlfühlen und nicht alleine sein. Man sucht die Gesellschaft und anderen Menschen um vor allem nicht alleine zu sein und eine vergnügliche Zeit zu verbringen. Ist es nicht unglaublich schade, dass unser anerzogenes Verhalten uns dem Grunde nach nur noch mehr voneinander entfernt und zu einem allgemeinen Alleinsein beiträgt, statt Gemeinschaft zu fördern.

 Das Problem liegt in dem allgemein unbewusst verbreiteten Verhaltensmuster, durch die eigene Maskenparade kurzfristige oberflächliche Anerkennung zu erlangen und gleichzeitig seinen Mitmenschen keine Gelegenheit zu geben für Kritik oder gar Fragen nach dem wahren, echten momentanen Befinden.

 Wir lassen damit in unserer Gesellschaft immer mehr Krater entstehen zwischen dem was wir vorgeben zu sein und dem, wer wir wirklich sind. Es ist ein allgemein anerkanntes Naturgesetz, dass ein Extrem das gegenteilige Extrem gleichermaßen fördert. So lässt sich erklären, warum wir in den Supermarkt oder zu Festen gehen können, dabei nur nette respektvolle Leute treffen, denen es allen gut geht und auf der anderen Seite zu Hause den Fernseher einschalten und von immer scheußlicheren Gewalttaten hören.

 Unsere westlich zivilisierte Gesellschaft leidet in diesen diesen Jahrzehnten ganz besonders unter den Extremen des menschlichen Verhaltens. Die Balance, das Gleichgewicht ist immer seltener zu finden und die Gesellschaft fördert dies auch in keiner Weise. Heutzutage geht es darum Profil zu zeigen und Meinungen zu vertreten, nur so gewinnen Präsidenten ihre Wahlen. Ein ausgeglichenes harmonisches Verhalten im Einklang mit sich selbst wird von der Gesellschaft schnell als langweilig und profillos bezeichnet, was im Gegenzug die Menschen dann natürlich in die Extreme treiben muss. Damit kann sich jeder Beachtung und Anerkennung in der Masse verdienen.

 Es wird Zeit, das wir uns zurück besinnen auf unsere Natürlichkeit und auf die Anerkennung allen menschlichen, das in uns steckt. Wir Menschen zeichnen uns aus durch unsere Gefühle und unser Bewusstsein. Wir leben es aber nicht. Wenn wir aber das wertvollste was uns als Menschen auszeichnet nicht leben, dann werden wir krank. Abstrakt gesellschaftlich betrachtet sind wir das auch. In den vielen Gesprächen, die man über dieses Thema führt zieht sich interessanterweise immer eine grundsätzliche Interpretation, der ich grundsätzlich nur zustimmen kann. „Der Mensch ist was wunderbares, einzigartiges, allerdings ist unsere gegenwärtige soziale Gesellschaft krank!“

 In der Ruhe liegt die Kraft. Mit angemessen genügend Zeit mit sich selbst sollten wir lernen zu uns selbst zu finden. Dazu gibt es viele gute Wege und Methoden, aus denen sich jeder das für sich funktionierende heraussuchen kann. Elementar jedoch ist der Weg zurück zu sich selbst. Es ist etwas wunderbares und erfüllendes, sich selbst gut genug zu kennen, um all seine Gefühle wahrhaftig und ehrlich annehmen zu können als das was sie sind, unsere eigenen wahrhaftigen Gefühle und Emotionen. Das ist was uns ausmacht und was uns alle voneinander unterscheidet. Jedes Gefühl von Wut, Zorn, Angst, Liebe, Sehnsucht, Spaß, Freude. Das sind unsere wirklichen individuellen Merkmale. Diese anzunehmen und einen gesunden ausgeglichenen Umgang damit zu finden ist unsere große Herausforderung in dieser Zeit.

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